Wechselwirkung zwischen Diskriminierung und Integration
Analyse bestehender Forschungsstände
- Steckbrief zum Forschungsprojekt -
Autor*innen: Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan, Cem Serkan Yalcin, im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) Erscheinungsjahr: 2012
Kurzüberblick
Die Expertise untersucht die Auswirkung von Diskriminierungserfahrungen auf die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, den Umgang der Betroffenen sowie die politischen und gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten zum Diskriminierungsschutz.
Wichtigste Ergebnisse
Diskriminierung hat folgende Auswirkungen auf die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund:
- Diskriminierungserfahrungen können Reethnisierungsprozesse auslösen.
- Die ständige Konfrontation mit Vorurteilen und Stereotypen beeinträchtigen das Selbstwertgefühl.
- Ausgrenzung und Benachteiligung erhöhen die Gefahr der Gewaltbereitschaft.
- Diskriminierung verhindert die Integration in den Arbeitsmarkt und geht mit einem höheren Armutsrisiko einher.
- Diskriminierung wirkt sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit aus, wobei tägliche Stressfaktoren wie zum Beispiel „daily hassles“ (Sticheleien) sich negativ auf die Lebenszufriedenheit auswirken.
Handlungsoptionen
Ausgehend von den Ergebnissen der Expertise haben die Autoren Handlungsempfehlungen abgeleitet, die hier konkret für einige Bereiche zusammengefasst werden:
Politik
- Der Staat muss mit gutem Beispiel vorangehen und als Arbeitgeber Vielfalt und aktive Antidiskriminierungsstrategien vorleben.
- Betriebe, die eine offensichtlich diskriminierende Praxis zeigen, sollten stärker sanktioniert werden. Auf der anderen Seite sollten Betriebe, die sich sensibel für kulturelle Heterogenität zeigen, öffentlich gewürdigt und ggf. prämiert werden.
- Wichtig ist hierbei auch, die interkulturelle Sensibilisierung von Mitarbeitenden der Verwaltung voranzutreiben und diskriminierenden Praktiken in der Verwaltung entgegenzuwirken.
- Der Gesetzgeber muss zum Teil legalisierte Diskriminierungen abschaffen.
- Die bereits zum Teil realisierte Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse ist zu erleichtern, um die Integration in den Arbeitsmarkt zu beschleunigen.
- Die rechtliche Schlechterstellung von Drittstaatenausländer*innen muss dringend abgeschafft werden.
- Antidiskriminierungsstellen sowie andere Anlaufstellen sollten besser vernetzt und unterstützt werden, um Menschen in Fällen von Diskriminierung Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Arbeitsmarkt
- Da Bewerbende mit ausländisch klingenden Namen nachweislich geringere Chancen bei der Stellensuche haben, sollten Rekrutierungswege überdacht und modifiziert werden - auch mit Blick auf den Fachkräftemangel. Eine (Teil-)Anonymisierung würde die Qualifikation der Bewerbenden in den Mittelpunkt rücken und eine objektive Bewerberauswahl sicherstellen.
- Arbeitgeber sollten benachteiligende Praktiken unterbinden und Möglichkeiten schaffen, diese schneller zu erkennen. Hier sollten vor allem Beschwerdemöglichkeiten für Betroffene transparenter gestaltet und der Diskriminierungsschutz am Arbeitsplatz konsequent durchgesetzt werden.
Medien
- Medien können zur Vermeidung von Stereotypen beitragen, indem sie in ihrer Berichterstattung auf pauschale Zuschreibungen verzichten. Wichtig ist hier, die explizite Betonung von „Deutschen“ und „Ausländern“ infrage zu stellen und nur bei Bedarf zu verwenden.
- Auch Menschen mit Migrationshintergrund sollten Teil der Belegschaft sein, um sich in der medialen Darstellung der Gesellschaft einzubringen.
Bildung
- Das Thema Diskriminierung („Stereotype threat“) sollte Bestandteil der Lehrerausbildung sein, da diskriminierende Praktiken oftmals in der Alltagsroutine von Schule vorhanden sind.
- Lebenswelten von Einwanderungsfamilien und die Geschichte der Migration sollten obligatorischer Bestandteil von Lehrplänen an Schulen sein.
- An Universitäten sollten Lehrstellen für interkulturelle Bildung eingerichtet werden, um künftige Lehrerinnen und Lehrer besser auf kulturelle Heterogenität in den Klassenzimmern vorbereiten zu können. Das Fach interkulturelle Bildung sollte als Teil des Studiums der Lehrkräfte implementiert werden.
- Schulen sollten die Gleichwertigkeit aller Sprachen betonen und keine Abwertung der Muttersprache zulassen, weil Abwertung der Muttersprache als Abwertung der Herkunft gedeutet werden kann.